Viele Eltern werden durch das österreichische Rechtssystem ermutigt, den häuslichen Unterricht missbräuchlich zu verwenden

Ein beinahe bedingungsloses  und rechtlich gut abgesichertes  Grundrecht  auf häuslichen Unterricht ohne behördliche Auflagen mit Ausnahme der Jahresprüfung  und ohnmächtige Behörden im Falle eines Verdachts auf Kindeswohlgefährdung   ermutigen viele Eltern, den häuslichen Unterricht missbräuchlich zu verwenden.

Nach dem  „Positionspapier  zum häuslichen Unterricht und zum Unterricht an einer privaten Schulen ohne Öffentlichkeitsrecht“  der Kinder und Jugendanwaltschaft Österreich gibt es eine Vielzahl von privat unterrichteten Kindern, die zu extremen religiösen, esoterischen oder radikalen bis fremdenfeindlichen oder gar staatsfeindlichen Gliedern einer geschlossenen Gesellschaftsgruppe herangebildet werden (vgl. www.kja.at unter Positionen und Stellungnahmen: 05.09.2018

Dabei missbrauchen Eltern den häuslichen Unterricht, um ihre eigene Weltanschauung ausleben zu können. Sie benutzen z.B. häuslichen Unterricht um ihren Kindern  wissenschaftsferne Bildungsinhalten zu vermitteln oder z.B. auch um  im Falle einer Erkrankung eines Kindes, dieses ohne medizinscher Versorgung zuhause selbst heilen zu wollen.

Wenn sich die  Lebenswelt von Kindern ausschließlich auf die Kernfamilie reduziert, was passieren kann, wenn Kinder zuhause von ihren Eltern unterrichtet werden , gibt es für diese Kinder außer partiellen Momenten wie den Jahresprüfungen, keine Chance auf Berührungspunkte mit der Außenwelt. Dies verschlimmert sich noch drastisch, wenn Eltern selber keine Außenkontakte pflegen bzw. in einer geschlossenen Gemeinschaft leben und es ihren Kindern verbieten, Außenkontakte außerhalb des geschlossenen Systems zu knüpfen. In einem solchen geschlossenen System haben  betroffene Kinder im Bedarfsfalle  so gut wie keine Möglichkeiten, von außen Hilfe zu holen. Im Falle von  Kindeswohlgefährdungen durch Gewalt oder grobe Vernachlässigung in der Pflege und Erziehung ist die Wahrscheinlichkeit sehr groß, dass Kinder ihr ganzes Kindesalter diesen widrigen Lebensbedingungen ausgesetzt sind, weil ihr Leid unentdeckt bleibt.

Extreme bzw. radikalisierte Gesellschaftsgruppen oder Eltern sind u.a. nicht damit einverstanden, dass ihr Kind  schulischen Bildungsinhalten wie z.B.  sexuelle Aufklärung  nach wissenschaftlichen Erkenntnissen lernen und zensurieren bzw. sparen dieses Lernthema im häuslichen Unterricht aus. Die Entwicklungsrisiken bei fehlender sexueller Aufklärung bleiben größtenteils unerkannt.

Es gibt Eltern, die an einer psychischen Grunderkrankung leiden, diese jedoch nicht behandeln lassen. Diese Eltern werden oftmals mit Konflikten von außen – wie Schulen.  konfrontiert, und um diesen Konflikten zu entgehen, melden sie ihr Kind zum häuslichen Unterricht ab. Für Kind bedeutet dies ein Aufwachsen in einer kranken Welt, die sie aufgrund fehlender Korrekturen oftmals als „normal“ verinnerlichen und selbst psychisch erkranken.

Eltern wehren sich seit Jahrzehnten juristisch erfolgreich gegen behördliche Kontrollen im Kontext des häuslichen Unterrichts. Dies führte dazu, dass Bildungsdirektionen nur mehr wenige behördliche Aufgabenbefugnisse haben, die sie verwaltungsbehördlich ausführen dürfen. Auch das Jugendamt reagiert mit Vorsicht, wenn es um Abklärungen von Kindeswohlgefährdungen im Kontext eines Heimunterrichts geht.

Bei einer angezeigten Kindeswohlgefährdung kommt für eine Kindeswohlabklärung der Umstand, dass viele  Familien im häuslichen Unterricht in  geschlossenen Gemeinschaften bzw. sozial abgeschlossen ausschließlich in ihrer Kernfamilien leben, erschwerend dazu. Anzeigen auf Kindeswohlgefährdung basieren häufig auf vage Verdachtsmomente von aufmerksamen Nachbarn oder Verwandten. Das zuständige Jugendamt hat mit solchen Anzeigen ihre behördliche  Not, auf Basis von wenig Konkretem eine Gefahreneinschätzung vorzunehmen. Da sich Eltern in Österreich in der Vergangenheit bereits mehrmals  juristisch erfolgreich gegen jegliche Generalverdachtsmomente auf Kindeswohlgefährdung gewehrt haben, geht die zuständige Behörde mittlerweile sehr vorsichtig bei den Kontrollen in den Familien mit häuslichen Unterricht vor. Diese Vorsicht birgt das Risiko, nicht ausreichend  und lückenlos abzuklären, und damit eventuell vorhandenes  Gefahrenpotential für das Kind/die Kinder zu unterschätzen.

Wollen Familien behördlichen Kontrollen entfliehen, gelingt ihnen dies häufig durch einen Wechsel ihres Wohnsitzes in einen anderen Behördenbezirk oder in ein anderes Bundesland. Durch diese Behördenflucht bekommen Familien immer wieder neue Chancen, die sie auch nützen. Erfolgreicher Behördentourismus war und ist nach wie vor eine altbewährte Strategie, um unliebsame behördliche Kontrollen und deren Konsequenzen auszuweichen.

Erschwerend kommt bei einem Wohnsitzwechsel in ein anderes Bundesland noch hinzu, dass  manche Behörden, wie z.B. einige Landesdirektionen interne Abmachungen pflegen, „sozial heikle Daten“ von Kindern nicht über die Bundeslandgrenze hinaus weiterzuleiten.