PRO UND CONTRA HÄUSLICHER UNTERRICHT (unter https://volksanwaltschaft.gv.at/artikel)

Der Vater eines neunjährigen Mädchens, der von der Kindesmutter getrennt lebt, sorgt sich um die Ausbildung der Tochter. Die Eltern hätten zwar die gemeinsame Obsorge, doch seit die Neunjährige die Volksschule besuche, gebe es Probleme. Die Mutter habe die gemeinsame Tochter ohne die Einwilligung des Vaters zum häuslichen Unterricht angemeldet und unterrichte das Kind seither Zuhause.

Der Vater bezweifelt, dass seine Tochter im häuslichen Unterricht Bedingungen vorfindet, die für die gute Ausbildung einer Volkschülerin nötig sind. Grundsätzlich muss der Bildungserfolg der zu Hause unterrichteten Kinder einmal jährlich durch eine Externistenprüfung an einer dafür zugelassenen Schule nachgewiesen werden. Obwohl seine Tochter in der Steiermark wohnt, hat sie beide Externistenprüfungen in Wien in einer angeblich „leichten Schule“ abgelegt. Dies veranlasste den Vater, bei der Volksanwaltschaft um Hilfe anzusuchen.

Im Studio bemerkte der Bildungsdirektor für Wien, dass in der Tat ein gewisser „Prüfungstourismus“ im Zusammenhang mit den Externistenprüfungen festzustellen sei. Die Bildungsdirektion habe daher in einem ersten Schritt für das kommende Schuljahr bereits per Verordnung veranlasst, dass in Wien ausschließlich Kinder zur Prüfung antreten dürften, die in Wien wohnhaft sind. Auch werde es in jedem Wiener Gemeindebezirk nur mehr bestimmte Schulen geben, bei denen Externistenprüfungen abgelegt werden könnten.

Eine Stoßrichtung, die Volksanwalt Fichtenbauer unterstützt. Er kritisierte aber, dass vor allem die nach der Externistenprüfungsverordnung vorgegebene Mündlichkeit mit sich bringe, dass Prüfungsergebnisse für Außenstehende im Nachhinein kaum überprüfbar seien. Ein Schwerpunkt auf schriftliche Arbeiten scheint daher nach Ansicht des Volksanwaltes bei häuslichem Unterricht angebracht. Auch solle beim mündlichen Teil die Protokollierung exakter erfolgen.

Viele Eltern, die ihre Kinder zu Hause unterrichten, unterschätzen den Aufwand. So können sie den Kindern neben fehlenden Unterrichtsmitteln viele Wettbewerbe, die in der Schule stattfinden, nicht bieten. Die Kinder können sich mit niemandem messen, oder einfach nur Freundschaften knüpfen. Soziale Kontakte und Kompetenzen werden durch den häuslichen Unterricht stark eingeschränkt.

Eine Gefahr, die auch die Bundesstelle für Sektenfragen sieht. Es gibt durchaus gerechtfertigte Fälle, bei denen Eltern die Kinder auf Grund von Auslandsaufenthalten oder schwerer Krankheit zu Hause unterrichten. Jedoch beobachtet die Bundesstelle für Sektenfragen einen Anstieg an Schulabmeldungen von Kindern, bei denen es mehr um die ideologische Selbstverwirklichung der Eltern zu gehen scheint. Dies kann vielerlei Gründe haben, sei es religiöse Einstellung, die Sorge vor Aufklärung im Sexualkundeunterricht, etwa dass Mädchen mit Emanzipation in Kontakt kommen, oder Eltern, die zur Gänze die Gesellschaft und das Schulsystem als solches ablehnen.

Das Recht auf häuslichen Unterricht ist ein verfassungsgesetzlich gewährleistetes Grundrecht. Dies bedeutet, dass die Möglichkeiten der Schulbehörden, einen solchen zu untersagen bzw. Bedingungen bei der Anmeldung zu stellen, sehr eingeschränkt sind. Übereinstimmung herrscht in der Diskussion, dass – bei allem gebotenen Respekt gegenüber einem Grundrecht – gewisse gesetzliche Lenkungsmaßnahmen wünschenswert wären, um allen Kindern die bestmögliche Chance auf Bildung zu sichern.

Volksanwalt Fichtenbauer sieht daher den Gesetzgeber am Zug. Historisch gesehen habe der häusliche Unterricht sehr wohl seine Berechtigung, doch dürfe diese Ausnahme vom Regelunterricht nicht von gewissen Gruppierungen zum Schaden der Kinder missbraucht werden.

(Bilanz Volksanwalt Dr. Peter Fichtenbauer unter https://volksanwaltschaft.gv.at/artikel/Pro-und-Contra-Haeuslicher-Unterricht?topic_type=archiv Stand per 20.1.2020)