LAIS-SCHULEN „Seid doch alle ein wenig natürlicher!“ Sogenannte „Lais-Schulen“ erfreuen sich großen Zulaufs. Dahinter steckt ein fragwürdiges, esoterisches Konzept. (von Werner Reisinger, Wiener Zeitung)

Wien. Ein Dienstagabend Anfang März im oberösterreichischen Steyr, Ortsteil Dietachdorf. Vor dem Wirtshaus im Ortszentrum werden die Parkplätze knapp. Besucher aus ganz Oberösterreich sind gekommen, im Saal im ersten Stock drängen sich rund 150 Menschen aller Altersgruppen. Pensionierte Lehrer, Paare und Eltern mit Kleinkindern, Pädagogikstudenten. Einige junge Leute aus der alternativen Szene sind hier, sie tragen bunte, weite Hosen und Dreadlocks. Sie alle sind gekommen, um Dieter Graf-Neureiter zu sehen, der auf Einladung des Lais-Instituts Oberösterreich Ost über das, wie es heißt, von ihm begründete Konzept der Lais-Schulen spricht.

Das „Laising“, wie der Klagenfurter Graf-Neureiter es nennt, boomt. Das Wort soll aus dem Indogermanischen stammen und Spur, Bahn oder Furche bedeuten. In ganz Österreich werden „Schulen“ und Lerngruppen gegründet. Wie viele genau, ist schwer zu sagen, dem Bildungsministerium liegen keine konkreten Zahlen vor. An die 80 sollen es laut einigen Internetseiten von Lais-Gruppen österreichweit bereits sein, von 25 „Schulen“ sprechen hingegen Experten. Die wichtigsten Standorte sind Klagenfurt, Salzburg und die Oststeiermark. Im Netz präsentieren sich die Initiativen hochprofessionell. Auf den ersten Blick erscheint Lais als ein alternatives Schulkonzept, ähnlich den Waldorf- oder Montessori-Schulen. Zu lesen ist von „natürlichem Lernen“, von neuer Begeisterung, von „nachspüren“ und „Leichtigkeit“, von phänomenal schnell lernenden Kindern, und der Ursprung des Konzepts bleibt im Dunkeln.

Nur wenige Projekte schildern dezidiert aus, was tatsächlich hinter dem Lais-Konzept steckt: die russische Schetinin-Schule am Schwarzen Meer und die völkisch-esoterische Anastasia-Bewegung. Zwischen 1996 und 2011 erschien in Russland die zehnbändige Bücherreihe „Die klingenden Zedern Russlands“ des Geschäftsmanns und Esoterik-Autors Wladimir Megre. Das Werk wurde bald nach dem Erscheinen auf Deutsch übersetzt, in Österreich, Deutschland und der Schweiz fanden die Bücher in der esoterischen Szene reißenden Absatz. Die Auflagen gehen in die Millionen. Als „Mix aus Naturreligion, Esoterik, Verschwörungstheorien und Geschichtsrevisionismus“ bezeichnet die Schweizer Fachstelle für Sektenfragen Info Sekta den Anastasia-Kult, der infolge der Buchreihe entstand.

Zentrale Figur in Megres Roman ist Anastasia, eine junge Frau, die über erstaunliche Fähigkeiten verfügt. So kennt sie das Wissen der russischen Ahnen, lebt perfekt im Einklang mit der Natur und kann mit Tieren sprechen. Megre erweckt in seinen Texten den Eindruck, dass Anastasia eine reale Person sei, er sie sogar persönlich getroffen habe. In zahlreichen Gesprächen habe ihm Anastasia die richtige Art zu leben erklärt: Autarke Familienlandsitze sollen gegründet werden, jede Familie solle einen Hektar Land bewirtschaften und von den Erträgen der Felder und des Waldes leben.

Über 300 solcher Landsitze soll es in Russland bereits geben, ein Dutzend in Deutschland und einige wenige in der Schweiz und in Österreich. Sie erinnern frappant an völkische Siedler wie die Neo-Artamanen, die in strukturschwachen Gegenden Ostdeutschlands Fuß gefasst haben und die längst die deutsche Politik und den dortigen Verfassungsschutz beschäftigen. Die völkischen Siedler in Russland stehen den deutschen um nichts nach: braune Bio-Landwirtschaft, eigene Scholle, Blut-und-Boden-Ideologie. Megres Texte strotzen nur so vor verschwörungstheoretischen Annahmen und krudem Antisemitismus. So sieht er die Welt von jüdischen Priestern, den „Leviten“, beherrscht. Zu Hitler und dem Holocaust hat Megre revisionistische Positionen. „Historiker halten Hitler für schuldig“, aber schon andere „Herrscher“ wären „gezwungen“ gewesen, die Juden des Landes zu verweisen, resümiert er.

Erziehung nimmt in Megres Büchern breiten Raum ein. Kinder werden als rein und allwissend dargestellt. Alles Wissen, alle „Wahrheit“, sei bereits im Kind angelegt. Die moderne Welt, Wissenschaft und Technik aber würden dieses kindliche Wissen verdrängen – Aufgabe der Eltern sei es, es wieder zum Vorschein zu bringen. In die Praxis umgesetzt wurden Megres Konzepte vom ehemaligen Musikprofessor Michail Schetinin, der 1997 besagte Schule im Wald bei Tekos am Schwarzen Meer gründete. Über „Kontaktaufnahme“ würden die Kinder dort ihr natürliches Wissen untereinander weitergeben, Lehrer seien nicht mehr notwendig. Im Netz wie in Megres Schriften selbst kursieren unglaubliche Geschichten: In wenigen Wochen würden die Schetinin-Schüler den Mathematikstoff ganzer Schuljahre beherrschen, schon mit 17 Jahren seien manche dabei, an der Universität ihren Abschluss zu machen.

Der Alltag in der Schetinin-Schule ist von harter Disziplin geprägt. Die Schüler müssen um fünf Uhr morgens aufstehen, sich um Tiere kümmern, Arbeiten verrichten und werden ganz nebenbei in traditionellen Kampfsporttechniken ausgebildet. In Militärkleidung robben sie durch den Wald, werden zu Vaterlandsliebe und Putin-Treue erzogen. Klassische völkische Ideologie, verbunden mit absurd anmutenden esoterischen Vorstellungen. Von all dem will Dieter Graf-Neureiter in Dietachdorf nichts wissen. Fragen von Unkundigen in Richtung Anastasia und Schetinin beantwortet er ausweichend. Er und sein Team hätten sich von Schetinin lediglich „inspirieren“ lassen, inzwischen werde das Lais-Konzept nach Russland quasi rückexportiert. Kritische Berichte in den Medien könne man getrost in den Papierkorb werfen, sagt der ehemalige Tennistrainer, Mentor und Coach. 2014 gründete Graf-Neureiter, zusammen mit einigen Mitstreitern, das Lais-Institut in Klagenfurt.

Überhaupt entsteht für Nicht-Eingeweihte auf der Veranstaltung der Eindruck, einem Kreis von „Wissenden“ beizuwohnen. Die Diskutanten am Podium sprechen verklausuliert und erzählen stundenlang von ihren eigenen Lernerfahrungen. Immer wieder ist von „Natürlichkeit“ die Rede. Das Lais-Konzept, so scheint es, hat ihnen die Augen geöffnet, sie erleuchtet. Wie der Unterricht genau abläuft, wie der Lernerfolg der Kinder zustande kommen soll, das beantwortet keiner der Teilnehmer eindeutig.

Fragt man bei den Betreibern des Lais-Instituts in Klagenfurt nach, wird der Unterricht einmal mehr ähnlich wie jener in alternativen Schulen beschrieben. Die Kinder würden das Wissen selbst erarbeiten, sagt Alexandra Liehmann, eine enge Mitarbeiterin von Graf-Neureiter. „Sie holen sich zusätzlich alle Infos von Schulbüchern, Fachbüchern, aus dem Internet und manchmal werden auch Experten hinzugezogen“, schreibt Liehmann in einem E-Mail. Dann würden die Kinder altersübergreifend „von Kind zu Kind“ lernen, ihr Wissen weitergeben. Die Jüngeren wiederum würden diesen Inhalt erneut selbständig erarbeiten. Von den Wundern, die in der russischen Schetinin-Schule geschehen sollen, ist keine Rede.

Anderes ist auf der Homepage des Klagenfurter Lais-Instituts zu lesen: „Englisch intensiv – in drei Tagen Englisch ganz verstehen“, bewerben die Betreiber einen Kurs. „In vier Tagen Mathematik bis zur Matura“, verspricht ein anderer, „an einem Tag schreiben und lesen lernen von Mensch zu Mensch“, ein weiterer. Schetinin lässt grüßen. Insgesamt 50 Schüler und Schülerinnen besuchen die Kurse laut Liehmann. Als „Schule“ darf sich das Lais-Institut aber nicht bezeichnen. Das dürfen in Österreich nur staatliche Schulen oder genehmigte Privatschulen, die die entsprechenden Auflagen bezüglich Lehrplan, Ausstattung und Personal erfüllen. Liehmann und ihre Kollegen bekamen deshalb kurz nach der Gründung der „Schule“ Probleme mit dem Kärntner Landesschulrat, eine Anzeige desselben zwang sie zur Umbenennung in „Lerngruppe“. Eine Privatschule sei dennoch geplant, schreibt Liehmann. Lais funktioniert auf Basis des häuslichen Unterrichts, die Kinder müssen eine Externistenprüfung ablegen.

Und Anastasia? Am Rande von Graf-Neureiters Event in Steyr gibt ein junges Paar bereitwillig Auskunft. Natürlich, die Bücher hätten sie alle gelesen, man solle es ihnen gleichtun. Es sei unglaublich, welches Wissen in uns schlummere. Man müsse es nur aktivieren. „Seid doch alle ein wenig natürlicher!“, schließt der Moderator den Abend. (Autor: Werner Reisinger, Wiener Zeitung unter: https://www.wienerzeitung.at/nachrichten/politik/oesterreich/897339-Seid-doch-alle-ein-wenig-natuerlicher.html Stand 12.01.2020)

Teil 2 der umfangreichen Recherchen zum Thema lesen Sie kommende Woche in der „Wiener Zeitung“.Artikel auf einer Seite anzeigen