Im Schulsystem verortete Probleme und Benachteiligungen im Zusammenhang mit dem häuslichen Unterricht

Jedes Kind hat das Recht auf bestmögliche Entwicklung. Das Recht auf bestmögliche Entwicklung umfasst die Gesamtentwicklung jedes Kindes, emotionale wie kognitive Entwicklung. Bei einer jährlichen schulischen Überprüfung werden jedoch ausschließlich die kognitiven Fähigkeiten geprüft. Die emotionale Gefühlsentwicklung kann in einem solchen Prüfungssetting nicht erfasst werden. Zur Überprüfung, ob sich das Kind im häuslichen Unterricht gesamtheitlich gut entwickelt, bräuchte es Prüfungskriterien, die emotionale und kognitive Diagnose zulassen und  ein kindgerechtes Prüfungssetting.

Kinder, die zu einer Externistenprüfung antreten, sind keine SchülerInnen einer Schule im herkömmlichen Sinne. Bei der jährlichen Externistenprüfung übernimmt die Behörde die Funktion des „Überprüfens von Lerninhalten“. Diese „funktionale Beziehung“ macht Kindern Angst. Im Gegensatz zu Erwachsene brauchen Kinder eine vertrauensvolle Beziehung, damit sie zeigen können, was sie tatsächlich können. Bei einem jährliche Prüfungssetting kann keine vertrauensvolle  Beziehung zum/zur LehrerIn aufgebaut werden. Die jährliche Externistenprüfung ist daher nicht kindgerecht.

Ebenso stellt eine Feststellung der kognitiven Leistungsfähigkeit  durch eine einzige Prüfung im Jahr eine Benachteiligung gegenüber SchülerInnen dar, deren Lernziele in der Schule regelmäßig überprüft werden:  Während in der Schule eine/n SchülerIn viele Gelegenheiten hat, seine bzw. ihre  kognitiven Fähigkeiten zu zeigen, hat ein Prüfling im häuslichen Unterricht gerade mal eine Chance, sein Können unter Beweis zu stellen.

Das Kind im häuslichen Untericht ist bei der Jahresprüfung dreifach belastet: 1.durch das Prüfungssetting, 2. durch die Tatsache, dass mit den Noten seine seine Eltern als seine Lehrer mit-benotet werden und 3. dadurch, dass es durch seine Noten sein häusliche Bildungssystem sichern muss.    

Kinder, die privat unterrichtet werden, stehen bei der Jahresprüfung  vor einem Dilemma: Einerseits dürfen Eltern ihren Kindern schul-un-übliche Lösungswege lehren, andererseits werden diese Kinder nach  schul-intern-logischen Prüfkriterien abgeprüft.  Diese schul-logischen Prüfungskriterien müssen jedoch für Prüflinge aus privaten Unterrichtssystemen nicht zwingend logisch nachvollziehbar sein.

Ein Zeugnis hat auch eine bildungsselektive Funktion. Die oben angeführten Belastungen und Benachteiligungen bei dem jährlichen Prüfungssetting können dazu führen, dass das Kind sein tatsächliches Können nicht unter Beweis stellen kann, und es daher schlechtere Noten bekommt. Schlechtere Noten können sich vor allem beim Übertritt in ein neues Schulsystem bildungsbehindernd auswirken.

Als Beweis für die Güte des häuslichen Unterrichts werden die positiven Noten des Kindes herangezogen. Eine positive Note wird als bestmögliche Entwicklung des Kindes gehandelt. Das ist ein unverantwortlicher Trugschluss und zudem kinderrechtsverletzend: Kinder mit Lernschwächen wie eine Lese- und Schreibschwäche können lange positiv abschließen, ohne dass diese Lernschwäche durch eine negative Beurteilung sichtbar wird. Viele Lernschwächen können durch  durch individuelle Lernförderung gemildert bzw. behoben werden. Dieses Recht auf individuelle Förderung haben Kinder im häuslichen Unterricht nicht – Lernschwache Kinder im häuslichen Unterricht werden gegenüber Schulkindern benachtteiligt. Im Falle einer Lese- und Schreibschwäche kann diese Diskriminierung die Lese- und Schreibkometenz so einschränken, dass es auf weiterfürhende Bildungswege bildungsbehindert auswirkt.  

Der Vergleich zwischen positive Noten und Güte des häuslichen Unterrichts ist aus kinderrechtlicher Sicht nicht zulässig und aus kinderrechtlicher Sicht unverantwortlich. Und doch sind „Statistiken über positive Jahresabschlüsse von Kindern im Heimunterricht“ beliebte Argumente für einen häuslichen Unterricht. Ebenso die generalisierte Annahme, dass Eltern über ausreichende Fähigkeiten verfügen, ihr Kind/ihre Kinder selbst zu unterrichten, wenn das Kind die jährliche Externistenprüfung positiv absolviert. 

Es gibt ein Grundrecht des Kindes auf Anhörung und Mitsprache, wenn es um seine persönlichen Angelegenheiten geht – dieses Grundrecht wird im Zusammenhang mit der Unterrichtswahl häuslicher Unterricht oder Schulunterricht, Schulaustritt in den häuslichen Unterricht etc. bleibt bis dato rechtlich unberücksichtigt. Wenn Eltern unter dem Schuljahr Es ist gängige rechtliche Praxis, wenn  ein häuslicher Unterricht während des Schuljahres weiter gewährt wird, dass sofort das Kind aus dem Schulsystem herausgenommen, aus der Perspektive des Kindes ist dieser Akt oftmals ein herausreißen aus dem Klassenverband.

Wenn Kinder chronisch Schulbesuche verweigern, werden Eltern für jedes Schwänzen zur Kasse gebeten: Viele dieser Eltern treibt die Geldnot zu Abmeldung in den häuslichen Unterricht: hier würden ökonomisch benachteiligte Eltern verleitet sein, ihr Kind, das sowieso nicht in die Schule geht, in den häuslichen Unterricht abzumelden.  

Es gibt in manchen Bundesländern nicht die  Möglichkeit eines verlängerten Kindergartenjahres: vor allem bei Kindern mit Behinderungen würden Eltern eher bereit sein, ihr Kind in den häuslichen Unterricht abzumelden, als dass sie ein Jahr in eine Vorschule gingen, um dann sowieso in eine „spezielle Klasse“ zu wechseln. Um ihrem Kind den „Stress“ eines kurzweiligen neuen Systems, das sie möglichweise komplett überfordern könnte, zu ersparen, wären viele Eltern bereit, ihr Kind lieber ein Jahr länger zuhause zu behalten, als es in eine Vorschulklasse zu „stecken“.

Grundsätzlich müsse man davon ausgehen, dass Eltern, die ihre Kinder von einer öffentlichen Schule in den häuslichen Unterricht abmelden, überzeugt sind, ihrem Kind damit „Gutes“ zu tun: Unser gewachsenes Schulsystem hat Schwächen, und diese Schwächen merken vor allem betroffene SchülerInnen in den Klassen: hat eine SchülerIn massive Probleme in der Klasse, dann können aufgrund von Behördenformalismen, die eine große Organisationsform wie Schule auch benötigt, um gut verwaltet zu sein,  nicht immer individuelle und zufriedenstellende rasche Lösungen für die einzelnen betroffenen Schülerinnen getroffen werden : Vereinzelt leiden SchülerInnen z.B.  zu lange unter  „Mobbing“, und entwickeln psychische Symptome wie Schulangst, ohne dass die zuständigen Schule hinreichend darauf reagiert, sodass Eltern aus Not heraus ihr Kinder/ihre Kinder in den häuslichen Unterricht abmelden, um ihr Kind/ihre Kinder vor weiteren schädlichen Mobbing-Einflüssen zu schützen. Auch SchülerInnen mit seltenen Erkrankungen stellen Schulen auch heute noch vor  „unüberwindbare“ Probleme, wenn sie den medizinischen Bedarf in den Unterrichtsstunden aus Ressourcengründen nicht abdecken können. Aus medizinischen Versorgungsmängeln ein Kind in den häuslichen Unterricht abzumelden, würde bedeuten, ein schulisches Problem am Kind zu lösen.