Entwicklungsförderliche und entwicklungshemmende Dynamiken durch häuslichen Unterricht

Kinder  benötigen für ihre bestmögliche Entwicklung ein entwicklungsförderliches Umfeld, das ihren Entwicklungsbedürfnissen entspricht: individuelle öffentliche bzw. private Lernförderungen  können schwer beeinträchtigte oder kranke Kinder und Kinder mit emotionalen Nöten  seelisch und gesundheitlich stabilisieren. Bildungsangebote, bei denen Eltern ihre Kinder zuhause unterrichten, stellen aus entwicklungspsychologischer Sicht hingegen ein entwicklungshemmendes Lernumfeld dar.

Machen Eltern von dem Recht auf häuslichen Unterricht Gebrauch, um  gesamtheitliche (sozial, emotional, kognitiv) Bildungsangebote zu schaffen, die sowohl emotionale wie kognitive Entwicklungsbedürfnisse eines Kindes berücksichtigen, dann wenden sie dieses Elternrecht im Sinne des Kindeswohls und im Sinne der Kinderrechte an. Ein Beispiel für ein entwicklungsförderliches Lernsetting für Kinder, sind Schulklassen, da sie den Rahmen und die Möglichkeiten für soziales und kognitives Lernen bieten.

Manche Kinder leiden massiv unter emotionale Nöte, sind schwer krank bzw. so schwer beeinträchtigt, dass sie individuelle öffentliche bzw. private Lernförderungen benötigen, damit sie sich seelisch bzw. gesundheitlich stabilisieren können. Aus entwicklungspsychologischer Sicht benötigen individuelle Lernförderungen gesamtheitliche Förderkonzepte, die Rückführungsoptionen in eine Klassengemeinschaft sowie integrative Begleitung in den Klassenalltag berücksichtigen, damit jene Kinder, denen es wieder besser geht, wieder in das Schulleben integriert werden können.

Der häuslichen Unterricht kann schadensbegrenzend, emotional stabilisierend und überbrückend wertvoll sein, wenn es darum geht, z.B. die richtige Schule für Vorschulkinder zu finden, und ihnen den Stress möglicherweise bevorstehenden Schulwechsels zu ersparen, oder wenn es darum geht, eine weiterführende Schule für ein Kind zu finden, wenn das Kind Schulangst aufgrund von Mobbingvorfällen entwickelt etc.

Jugendliche, die in der Pflichtschulzeit in eine öffentliche Schule gegangen sind und von sich aus entscheiden, ihren Abschluss an einer höheren Schule in co-Operation mit ihrer Stammschule durch privaten Unterricht nachzuholen bzw. zu absolvieren, haben einen Weg gefunden, sich durch selbständiges Aneignen von Bildungsinhalten weiter- bzw. fortzubilden – vorausgesetzt, sie sind mit Jugendlichen ihres Alters privat gut vernetzt und können ihre sozialen Kontakte selbständig gut gestalten.

Bildungsangebote, bei denen Eltern ihre Kinder zuhause unterrichten, stellen  hingegen aus entwicklungspsychologischer Sicht ein entwicklungshemmendes Lernumfeld dar und es bedarf einer gründlichen Überprüfung der Beweggründe der Eltern im Sinne des Kindeswohls, um  Eltern einen solchen Hausunterricht zu genehmigen: Denjenigen Kindern, die privat durch ihre Eltern unterrichtet werden, fehlt der soziale Beziehungsraum zu anderen Kindern, der soziales Lernen außerhalb des familiären Rahmens ermöglicht. Kinder benötigen außerfamiliäre Beziehungsräume in immer größerem Ausmaß, je älter sie werden, um sich schrittweise von ihrer Abhängigkeit von ihren Eltern zu lösen. Es ist ein Irrtum anzunehmen, dass sich mit Erreichen des 18. Lebensjahres ein Kind quasi automatisch  von seinen/ihren  Eltern lösen kann, um künftig ein selbständiges Leben führen zu können. Für einen gelungenen Loslösungsprozess brauchen Kinder 1) ihre gesamte Kindheit und 2) hinreichend positive Beziehungserlebnisse außerhalb des elterlichen Einflussbereiches mit Kindern ihres Alters und ähnlichen Interessen. Wenn jedoch Kinder beispielsweise in einer Mutter-und-Kind-Familie aufwachsen und von ihrer Mutter auch unterrichtet werden,  dann wachsen solche Kinder  in einem wechselseitig abhängigen System auf, das keine autonome Entwicklung zulässt.

In einem Lebensraum, der sich überwiegend auf den engen familiären Kern konzentriert, können daher nur wenige soziale Verhaltensweisen erprobt werden. Gemeinschaften (Kindergarten, Schulen, Pfadfinder,  Sport-, Musik- und andere
Vereine etc.) unterschieden sich im sozialen Miteinander vom Familienleben. Dieses gesellschaftliche Miteinander ist durch jeweils eigene kulturelle Werte und Normen geregelt. Kinder lernen durch derartige außerfamiliäre Betreuungssysteme unterschiedliche Gestaltungsmöglichkeiten für ein soziales Miteinander in einer Gemeinschaft und somit unterschiedliche Kulturen kennen und für sich nützen. Kinder, die beinahe ausschließlich familiäre Regeln kennen, erleben  vielfältige gesellschaftliche Normen und Werte des Miteinanders früher oder später als Kulturschock.

Um ein Kind für sein Leben als demokratischen Bürger /Bürgerin vorzubereiten, ist es wichtig, kindgerechte gesellschaftliche Rahmenbedingungen zu schaffen, wo demokratische Werte gelebt werden. Die Schule hat die staatliche Erziehungsaufgabe, einen sozialen Rahmen anzubieten, indem demokratische und gesellschaftliche Normen und Werte auch gelebt werden. Nach der derzeitigen Rechtsprechung ist es nicht vorgesehen, diesen  staatlichen Erziehungsauftrag  in den häuslichen Unterricht zu übernehmen. Kindern, welche im Wohnzimmer privat unterrichtet werden,  bleiben so wesentliche soziale Erfahrungen verwehrt, die sie jedoch im späteren Leben benötigen, um  als aktive BürgerInnen in einer demokratischen Gesellschaft teilhaben zu können. Personen, die durch häuslichen Unterricht, durch diesen engeren sozialen Raum entsprechend weniger soziale Kompetenzen erwerben konnten, tun sich dementsprechend in der Arbeitswelt, bei der Familiengründung etc. schwerer, werden also dadurch sozial behindert.

Eltern als private LehrerInnen ihrer Kinder haben zusätzlich zur Aufgabe diese zu erziehen jene des Unterrichtens. Beide Aufgaben verlangen zum Teil gegenläufige Interventionen und führen dadurch häufig zu  Rollendiffusionen und Ambivalenzen: Erziehen bedeutet vor allem Versorgen und Umsorgen, also in der kindlichen Regression zu halten, wogegen Lehren das Kind auffordert, Neues zu lernen, und somit in die Progression zu heben.

Weiters erzeugt die jährliche Überprüfung der Kinder bei den Eltern einen Erfüllungsdruck, ihren Kindern bis zum Jahresprüfungstermin den Jahresstoff beibringen zu müssen. Die rechtlichen Voraussetzungen des häuslichen Unterrichts stellen dabei tatsächlich ein  „wir-müssen-Szenario“ her, da die Eltern durch die Prüfungsleistungen ihrer Kinder mitbeurteilt werden. Diese rechtlichen Rahmenbedingungen machen Eltern von ihren Kindern abhängig und  umgekehrt, machen Kinder im häuslichen Unterricht  für ihre Eltern verantwortlich. Diese Rollenumkehr überfordert Kinder in ihrem Kindsein und ist daher nicht kindgerecht.   

Es gibt auch Eltern, die sich weigern, ihre Kinder  zur jährlichen Überprüfung durch die Schule antreten zu lassen.

Andere Eltern wiederum geben diesen Belastungsdruck an ihren Kindern weiter, indem sie  psychische und/oder  physische Gewalt anwenden.  Aus Angst vor weiterer Gewalt „funktionieren“ die meisten Kinder, indem sie das machen, was von ihnen verlangt wird. Im häuslichen Unterricht bleiben physische und psychische Gewalt oftmals jahrelang unentdeckt.

Das Gleichsetzen von positiven Noten und  Güte des Heimunterrichts durch die Eltern ist aus kinderrechtlicher Sicht nicht zulässig und auch  unverantwortlich. Aus entwicklungspsychologischer Sicht kann kein direkter Zusammenhang zwischen positiver Benotung und  bestmöglicher Entwicklung hergestellt werden: Kinder können unter widrigsten Lebens- und Lernbedingungen ( Angst vor Strafen etc.) positive Noten schreiben.

Ein weiterer Grund, weshalb positive Noten bei dieser Externistenprüfung keinen Beweis für gleichwertigen Unterricht im Vergleich zur Schule darstellen, sind  in Zeiten des Internets E-Learning-Programme: Kinder können sich – Internetzugang vorausgesetzt – mit deren Hilfe weitgehend selbständig auf die Jahresprüfungen der jeweiligen Schulstufe vorbereiten. Aus entwicklungspsychologischer Sicht fehlt bei einem  auf ein Computerprogramm reduzierten Unterricht der lernende Austausch mit der Umwelt – dieser lernende Austausch ist jedoch notwendig  und wichtig, damit Kinder ein Selbstgefühl, Selbstbewusstsein und Selbstwert entwickeln können.

Positive Noten bedeuten, dass das Kind die Mindestanforderungen laut Lehrplan geschafft hat, haben aber wenig Aussagekraft, ob ein Kind optimale Förderung bekommen hat, um sich bestmöglich entwickeln zu können. Auch Kinder mit Lernschwäche können über  Jahre hinweg positive Noten schreiben. Es gibt Eltern die sich gerade um ihre lernschwachen Kinder große Sorgen machen, und sie deshalb besonders intensiv privat fördern. Jedoch sind sie bei einer positiven Benotung nicht  dazu verpflichtet ihre lernschwachen Kinder speziell zu fördern, weil sie sowieso positiv sind. Lernschwächen können sich mit den Schuljahren zu fehlenden Kompetenzen verfestigen und schlussendlich für gravierende Bildungslücken sorgen. Für solche nicht geförderten Kinder stellt der häusliche Unterricht eine Benachteiligung gegenüber Schulkindern dar, die durch angebotene Förderunterrichtseinheiten eine Chance bekommen, ihre Bildungslücken zu beheben.

Eine Jahresfeststellungprüfung hat auch eine bildungsselektierende Funktion: Ungeeignete Überprüfungsmethoden und nicht kindgerechte Prüfungssettings der Schulbehörden wirken sich durch mögliche Fehlbeurteilungen der tatsächlichen Lernleistung insofern bildungsbehindernd aus, als dass sie durch ein schlechtes Abschlusszeugnis Bildungswege versperren können.

Es ist gängige rechtliche Praxis, dass Kinder ab einem gerichtlichen Beschluss auf Weitergewährung des häuslichen Unterrichts während des Unterrichtsjahres sofort in den Hausunterricht abgemeldet werden dürfen, um fortan im Wohnzimmer von Mutter oder Vater unterrichtet zu werden. Aus dem Erleben der Kinder bedeutet diese juristisch korrekte Handlung ein Herausreißen aus dem sozialen Verband einer Klasse. Obwohl es in Österreich ein Grundrecht des Kindes auf angemessene Beteiligung und Berücksichtigung seiner Meinung in allen das Kind betreffenden Angelegenheiten gibt, wird dieses Grundrecht  im Zusammenhang mit der Unterrichtswahl häuslicher Unterricht oder Schulunterricht, Schulaustritt in den häuslichen Unterricht etc. ignoriert und kann traumatisierende Folgen für das Kind haben.

Das Abmelden vom Schulunterricht wegen in/oder durch die Schule aufgetretenen Problemen wie Mobbing, Schulunreife eines schulpflichtigen Kindes oder hohe Geldstrafen durch chronisches Schulschwänzen eines Schulkindes etc. stellt den Versuch dar, das jeweilige Problem am Kind anstatt im Schulsystem zu lösen. Obwohl entwicklungsbedenkliche bis entwicklungsproblematische Schulbedingungen  durch ein Abmelden in den häuslichen Unterricht kurzfristig entlastend sein können, ist ein Verorten von Problemen am Kind als langfristige Dauerlösung hochproblematisch, weil so Probleme am Kind festgemacht werden, dieses nun so problematisch ist – also einen Mangel hat – , dass es nicht mehr in eine  Schule gehen kann. Ein dauerhafter Ausschluss aus dem Schulverband  verhindert die Partizipation von Kindern, führt zur Ausgrenzung und somit zu einer sozialen Behinderung. 

Das Recht auf häuslichen Unterricht fördert die Ausbildung von sozial geschlossenen Systemen, in denen Kinder unter entwicklungsschädigenden Bedingungen aufwachsen müssen.

Extreme bzw. radikalisierte Gesellschaftsgruppen oder Eltern sind u.a. nicht mit  schulischen Bildungsinhalten nach wissenschaftlichen Erkenntnissen einverstanden wie z.B. der sexuellen Aufklärung in Biologie und benützen den häuslichen Unterricht, um solche Bildungsinhalte vom Kind fernzuhalten bzw. sie durch ihre subjektiven, spirituellen oder ideologischen Weltanschauungstheorien zu ersetzen. Radikale Theorienbildungen an Kindern fördern die Ausbildung zu Extremismus und Radikalismus. Fehlende sexuelle Aufklärung führt vor allem bei Jugendlichen zu beängstigenden Identitätskrisen, die als Entwicklungsrisiken jedoch größtenteils unerkannt bleiben. Besonders gefährdet sind vor allem weibliche Jugendliche, denen ein unterdrücktes Rollenbild der Frau vermittelt wird, dem sich diese heranreifenden Mädchen zu unterwerfen haben.

Unter derartigen Voraussetzungen aufwachsende Kinder haben erhebliche gesundheitliche Risiken: psychische bzw. psychosomatische, aber auch andere Erkrankungen dieser Kinder aufgrund von entwicklungsfeindlichen Lebensbedingungen oder Bedingungen in Zwangskontexten bleiben oft unbehandelt bzw. ungenügend behandelt.

In Kontexten des häuslichen Unterrichts gibt es auch Kinder als pflegende Angehörige. Die hohen Belastungsfaktoren, denen diese Kinder und Jugendlichen als pflegende Angehörige (Young Carers) ausgesetzt sind, strapazieren deren Kräfte in einer ungesunden Weise: als negative Auswirkungen sind vor allem psychosoziale und psychische Folgen bekannt (vgl. „EPYCY“ – Young Carers – Kinder und Jugendliche als pflegende Angehörige“ unter www.roteskreuz.at, Stand per 12.1.2020). Für pflegende Kinder oder Jugendliche im häuslichen Unterricht gibt es keinen Ausweg aus dieser Belastungsspirale.

Wenn Eltern an einer psychischen Grunderkrankung leiden, bedeutet dies für die Kinder häufig ein Aufwachsen in einer kranken Welt. Problematisch wird es, wenn solche Eltern ihre Kinder zum häuslichen Unterricht abmelden, wodurch diese Kinder kaum andere, korrigierende Beziehungserfahrungen außerhalb ihrer Eltern machen können; diese Kind sind sehr gefährdet, im Erwachsenenalter selber psychisch zu erkranken.

Nicht kindgerechte, gesundheitsschädigende, kindeswohlgefährdende, entwicklungshemmende und/oder bildungsbehindernde Umweltfaktoren im häuslichen Unterricht widersprechen dem Kindeswohl und den seit  2011 in der österreichischen Verfassung verankerten Kinderrechten und sollten daher behördlich nicht genehmigt werden.