Bildung Daheim statt Schule: Unterricht zuhause In Österreich herrscht Unterrichtspflicht aber keine Schulpflicht. Eltern dürfen ihre Kinder daher auch zu Hause unterrichten. Während die Zahlen dafür österreichweit sinken, sind es in Tirol mehr geworden: derzeit 210 Kinder. Der Privatunterricht klappt aber nicht immer. (von Roberta Hofer, tirol.ORF.at)

Derzeit werden 133 Tiroler Vorschüler daheim unterrichtet, 49 Volksschüler, 23 Kinder in der Unterstufe. Heimunterricht geben kann jeder – ganz ohne Lehrausbildung. Um sein Kind aus der Pflichtschule zu nehmen, muss man bis Ende Juli bei der Bildungsdirektion ansuchen.

Gleichwertiger Unterricht muss gegeben sein

Wer sein Kind slbst unterrichten möchte, muss zumindest einen Grobplan haben, wie man das Schuljahr gestalten will, erklärte Christian Biendl. Er ist für die Qualitätsaufsicht im Pflichtschulbereich für die Region Tirol Mitte zuständig. Die Bildungsdirektion entscheidet dann, ob der Unterricht zu Hause gleichwertig mit jenem in der Schule ist.

Schulbücher für den Unterricht müssen von der Stammschule zur Verfügung gestellt werden. Viele Eltern beschaffen sich außerdem zusätzliches Lehrmaterial: „Viele Eltern besuchen auch die Stammschule des Kindes um sich über den Fortschritt in der Schule zu erkundigen und ihn mit dem Lernfortschritt zu Hause zu vergleichen“, schilderte Biendl.

Reisende und Neugierige statt religiöser Fanatiker

Eltern, die ihr Kind aus der Schule nehmen und selbst unterrichten möchten, müssen keine offiziellen Gründe dafür angeben, so Biendl. Dennoch ließen sich Beobachtungen machen, welche Tirolerinnen und Tiroler diese Möglichkeit in Anspruch nehmen: „Seltenst sind es, wie in Amerika, religiöse Gründe. Es sind auch ganz wenige sogenannter Aussteiger oder Menschen die mit dem System an sich ein Problem haben“, wusste der Pädagoge.

Oft seien es hingegen Leute, die eine lange Weltreise planen – oder einfach den Versuch starten wollen, ihr Kind selbst zu Hause zu unterrichten. In so einem Fall könne die Entscheidung auch sinnvoll sein. Für problematisch hält der Experte hingegen jene Eltern, die glaubten, auf jeden Fall besser als die Schule unterrichten zu können und deshalb die Ausbildung ihrer Kinder in die eigene Hand nehmen: „Man muss sich gut überlegen, ob man den Anforderungen, die immer größer werden, wirklich gewachsen ist und ob man sich darüber hinaussieht – vor allem ein ganzes Jahr lang“, so Biendl.

Externistenprüfung entscheidet über Erfolg

Am Ende des Schuljahrs müssen alle daheim unterrichteten Kinder an einer regulären Schule eine Externisten-Prüfung ablegen und zeigen, was sie können. Drei Viertel der Tiroler Kinder im häuslichen Unterricht haben diese Prüfung letztes Jahr bestanden. Vier Kinder fielen allerdings durch und 16 sind gleich gar nicht angetreten. Sie müssen das gesamte Schuljahr an einer öffentlichen Schule wiederholen.

Darin liege auch die große Gefahr, weiß der Pädagoge. Unterrichtet man sein Kind selbst, gehe man immer das Risiko ein, dass das ganze Jahr umsonst war. In der Vergangenheit habe es dadurch auch problematische Situationen mit Eltern gegeben: „Es gibt leider Beispiele, wo es massive Konflikte mit Eltern gab, wenn ihr Kind die Externistenprüfung nicht bestanden hat und die Eltern keinerlei Einsicht zeigten, dass ihr Kind die Klasse wiederholen muss“, schilderte Biendl. Die Landesbildungsdirektion empfiehlt daher, in Kontakt mit der Stammschule zu bleiben und den Lernfortschritt des Kindes regelmäßig zu überprüfen.

Soziales Lernen kann darunter leiden

Neben der Gefahr, Bildungsstufen nicht zu erreichen, so der Experte, riskiere man mit häuslichem Unterricht immer, dass dem Kind an Struktur fehle oder dass es an Disziplin und Motivation mangele – auch von Seiten der Eltern, die den Unterricht halten. Ist das Kind in keine Schul- oder Klassengemeinschaften eingebettet, muss es zudem auf besondere Veranstaltungen oder Lehrgänge wie Wandertage verzichten.

Problematisch sei es auch, wenn solche Kinder durch den häuslichen Unterricht keine enge Freundschaften mit Gleichaltrigen knüpfen können: „Wenn es ausschließlich zuhause unterrichtet und dabei abgeschirmt wird, erfährt ein Kind nie, wie es ist, wenn es einmal mit einem anderen Kind einen Konflikt austrägt, wie es damit umgehen soll“, erklärte Biendl. Besonders schwierig sei es, wenn nur eine Bezugsperson da sei, die gleichzeitig Mutter oder Vater, als auch Lehrperson sei. Dieser Switch sei auch für Eltern oft schwierig.

Österreichweit sinken die Zahlen jener Kinder, die zuhause unterrichtet werden, leicht. In Tirol sind sie über die letzten Jahre eher gestiegen: Im Volksschul-Alter sind es fünfmal so viele Kinder wie noch vor neun Jahren. (Roberta Hofer, tirol.ORF.at unter: https://tirol.orf.at/stories/3029236/ Stand per 20.1.2020)